Der Homo sapiens ist dabei, sich selbst zu begraben

01.00.1970, 03:00
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Der Homo sapiens ist dabei, sich selbst zu begraben

Der Ökologische Perfektionismus von Alexander Potemkin

Die Charaktere in Ihrem Romanen sind oft unzufrieden mit sich und der Welt. Sie sind der Ansicht, die Welt sei voll von nutzlosen zivilisatorischen, sozialen und politischen Ideen, und unter diesen Bedingungen sei es für einen Menschen schwierig, ein denkendes Wesen zu bleiben. In Ihrer neuen Arbeit „EuRICAA – eine weltanschauliche Revolution“ schreiben Sie über die Notwendigkeit der Menschheit, auf eine neue ökologische Bewusstseinsebene überzugehen. Wie sollten die ersten Schritte in diese Richtung aussehen? 

Fang bei dir selbst an! Dieses wichtige Prinzip diktiert auch den ersten Schritt: Höre auf dich selbst und nicht auf die moderne öffentliche Meinung, die keinen ökologischen Gedanken trägt. Die Ökologie des Individuums ist also der Uranfang. Ich reduziere strikt die Informationsmenge aus den Medienquellen, setze ernsthafte Kultur- und Informationsfilter vor alles ein, was mich von dem ablenkt, was ich für wichtig halte.

Ich halte den nächsten Schritt ebenfalls für bedeutsam – den Übergang von der Ökologie des Individuums zur Ökologie der Gesellschaft.  Keine der weltweit zugänglichen öffentlichen Ressourcen verfügt über wissenschaftlich-analytische Programme, die sich mit Umweltproblemen befassen, obwohl sie heute eigentlich an erster Stelle stehen sollten. Faktisch ist das Fernsehen zum Hauptverantwortlichen für die Weltanschauung des Konsums geworden. Durch aggressive Werbung vertieft es die Mentalität des Homo consumers im Massenbewusstsein.   

Man sieht ständig Moderatoren oder sogenannte Experten, die wie bei einem brasilianischen Karneval gekleidet sind. Wenn man so gekleidete Menschen sieht, verliert man jegliches Vertrauen in sie. Kann man ihre Aussagenwirklich ernst nehmen? 

Und was ist mit den politischen Führern der Staaten auf diesem Planeten? Es ist unvorteilhaft für sie, Bescheidenheit zu propagieren. So erhalten sie keine Stimmen der Wähler. Bescheidenheit bedeutet eine Senkung der Einkünfte, den Verzicht auf übermäßigen Konsum. Und das ist einfach nicht angesagt. Die Massenkultur hat diese Weltanschauung ruiniert. Materieller Konsum und finanzieller Gewinn sind heutzutage zur Hauptsache geworden. 

Sie sprechen von der Schaffung eines Menschen der neuen Zivilisation: Eco sapiens.  Was wird ihn von unserem Zeitgenossen unterscheiden? 

Eco sapiens ist ein Mensch der Zukunft, der sich vor allem mit der ökologischen Situation auf der Erde beschäftigt. Er ist der Mensch von morgen. Heute gibt es nur sehr wenige davon. Die Menschheit steht vor der Aufgabe, den Planeten zu retten. Im Gegensatz zum 20. Jahrhundert tritt die Wahrscheinlichkeit einer planetarischen Katastrophe infolge von Krieg heute in den Hintergrund. Alle intellektuellen Bemühungen sollten darauf abzielen, das Klima und die Natur zu stabilisieren, die biologische Vielfalt und die menschliche Gesundheit zu erhalten. 

Und glauben Sie, dass man in den nächsten 10-15 Jahren den Menschen vom unbedachten, schädlichen Konsum abbringen und eine ökologische Weltanschauung einführen kann? 

Ich bin ständig unterwegs. Aus beruflichen Gründen muss ich von China nach Gibraltar und zurück reisen. Ich sehe täglich zehntausende von Menschen: an Bahnhöfen, an Flughäfen, auf den Straßen der Städte usw. Wenn ich sie so beobachte, dann habe ich kein solches Vertrauen. In den Augen der Menschen lässt sich nur ein Gedanke ablesen: kaufen und verdienen, verdienen und kaufen. Natürlich ist dies eine Sackgasse.

Leser, die das Projekt kommentieren, bemerken, dass die Konsumgesellschaft, gegen die Sie sich aussprechen, das Wesen des Kapitalismus ist. Es wird also unmöglich sein, die Umweltprobleme zu lösen, ohne dass dieses System aufgegeben wird. 

Die Leser haben recht: Das Wirtschaftswachstum ruiniert den Planeten. Und es wird den Planeten am Ende zerstören; somit auch die gesamte Menschheit. Nur der Verzicht auf übermäßigen Konsum wird zur Gesundung und zu einer neuen Wirtschaftspolitik führen. 

Welchen Dingen sollte der Mensch seine Zeit widmen? Ich habe bereits darüber geschrieben: Alle fortgeschrittenen wissenschaftlichen Kräfte müssen auf die biologische, intellektuelle und anatomische Vervollkommnung des Menschen gerichtet sein. Der Mensch muss sich in den Weltraum begeben, seinen Lebensraum im Universum erweitern. Auf dem Planeten gibt es nicht mehr genug Platz. Eco sapiens sollte sich zum Homo cosmicus entwickeln. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert betrug die Weltbevölkerung eineinhalb Milliarden Menschen, von denen mehr als 70% dank der Naturalwirtschaft existierten. Die Weltbevölkerung nähert sich heute der 8-Milliarden-Grenze an, und in 10 Jahren sollen es bereits 10 Milliarden sein. Die demografischen Prozesse werden von niemandem reguliert. Eine solche Anzahl an Menschen kann der Planet ohne eine tragische Beeinträchtigung der Umwelt nicht ertragen. Er ist faktisch nur in der Lage, 5 Milliarden Menschen auszuhalten.

Die Erde wird zugrunde gehen, wenn die Idee der eigenen Bereicherung die Hauptweltanschauung der Menschen bleibt, die sie bewohnen.

Sie sprechen davon, über die Grenzen der Erde hinauszugehen. Es ist üblich, eine sehr positive Einstellung zu den Weltraumleistungen der Menschheit zu haben, sich über jeden erfolgreichen Start von Raumfahrzeugen zu freuen und sie live zu beobachten. Aber welche Umweltauswirkungen hat die Raumfahrt? 

Bei jedem Raketen- oder Shuttlestart wird eine große Anzahl von Wassermolekülen in das Atmosphärengas freigesetzt, die die Ozonschicht der Ionosphäre in einer Höhe von 50 bis 100 km zerstören. Jeder Start zerstört ungefähr 50 000 Tonnen Ozon und erzeugt Löcher in der Ozonschicht der Erde mit einer Fläche von 50 000, 100 000 und 300 000 km2. Bei einhundert Starts pro Jahr vergrößert sich die Fläche der Löcher jeweils um das 100-fache. Infolge der anthropogenen Aktivität ist die Ozonschicht bereits um 8-9% zurückgegangen. Und 450 Starts der schweren Shuttle-Raketen werden ausreichen, um sie vollständig zu zerstören. Das bedeutet, dass das Leben auf der Erde enden wird. Ebenfalls werden in der Atmosphäre nach kosmischen Starts magnetische, chemische, dynamische, elektromagnetische und thermische Effekte registriert. 

Am negativsten wirkten sich die Feststoffraketentriebwerk auf den Ozonzustand aus. Ihre Raketenstrahlen enthalten eine große Menge an Chlorwasserstoff, der ein besonders aktiver ozonabbauender Stoff ist. Amerikanische Umweltschützer sollten auf die „Shuttles“ achten, deren Triebwerke der Atmosphäre den größten Schaden zufügen. Aus ökologischer Sicht ist es ratsam, Trägerraketen auf Basis von Flüssigkeitsraketentriebwerken für die Realisierung großer Frachtströme in den Weltraum einzusetzen, die hauptsächlich von der Weltraumorganisation Roskosmos verwendet werden. Es sollte jedoch beachtet werden, dass bisher keine wirksamen Mittel erfunden wurden, die die Ozonschicht vor dem Einfluss der Trägerraketen, den Emissionen der Raketengase in die Atmosphäre, schützen. 

Folglich sollte die anatomische Optimierung des Menschen sowie seiner physischen Möglichkeiten, sich außerhalb der Erde aufzuhalten, mit der Entwicklung neuer umweltfreundlicher Raumfahrttriebwerke einhergehen. Ich hoffe, dass Greenpeace und andere „grüne“ Organisationen der Notwendigkeit, die Raumfahrtindustrie zu kontrollieren, Aufmerksamkeit schenken werden. 

Die Amerikaner nehmen durchschnittlich 1 Million Menschen pro Jahr auf. Nach Deutschland sind in den letzten Jahren 12 Millionen Migranten eingewandert. Die Bevölkerung Deutschlands wird bald die Bevölkerung Russlands einholen. Natürlich kommt es zu sozialen Unruhen bei einer Assimilation von Migranten. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass die Bevölkerung Deutschlands wächst. Ich zwar kein Befürworter der Migrationspolitik der Kanzlerin, weil nicht hochqualifizierte, sondern Millionen Analphabeten aus der Welt ins Land gelassen werden, sehe aber, dass es auch einige gute Ansätze gibt. Kürzlich wurde etwa beschlossen, dass ausländische (einschließlich russische) medizinische Fachkräfte der höchsten und mittleren Ebene bestimmte Präferenzen bei der Beschäftigung in Deutschland haben sollten. 

Sie sind Initiator der Gründung des weltweiten „Hamburger Vereins Eco sapiens“. Warum haben Sie sich für Hamburg entschieden?

Das Umweltproblem ist allgemeiner und globaler Natur. Es betrifft gleichermaßen alle Staaten des Planeten und nicht nur ein einzelnes Land. Hamburg, eine Stadt, die für ihre „grüne“ Bewegung bekannt ist, wurde als Arbeitszentrum des Vereins ausgewählt. Seine anderen Niederlassungen sind auf der ganzen Welt organisiert. 

Zahlreiche osteuropäische Länder, die vormals zum sozialistischen Ostblock gehört haben, streben infolge demokratischer Reformen sowie der Etablierung eines kapitalistischen Wirtschaftssystems nach oben. Die Menschen dort sind vor allem an einer Steigerung des Lebensstandards und höheren Löhnen interessiert. Konsum spielt dabei natürlich eine große Rolle. Wie sollte man auf solche Staaten einwirken?

Es ist absolut legitim, dass die Bewohner osteuropäischer Transformationsstaaten mit vormals sozialistischer Planwirtschaft endlich am unvorstellbaren Reichtum teilhaben wollen, den sich das demokratische Westeuropa nach 1945 erarbeitet hat. Diese Tendenz ist ein typisches Phänomen von Schwellenländern und lässt sich auch in anderen Regionen der Welt beobachten. Das Bedürfnis der Menschen nach materiellem Wohlstand ändert aber nichts daran, dass der gesamte Planet in akuter Gefahr schwebt. Wenn die Natur erst einmal zerstört und die Rohstoffquellen erschöpft sind, wird es keine Wirtschaft mehr geben, um solche Bedürfnisse zu befriedigen. Deshalb plädiere ich dafür, dass die gesamte Menschheit einen Bewusstseinswandel vollzieht. Anders geht es nicht. Wir müssen handeln, und zwar schnell. 

Was halten Sie von der grünen Bewegung? Vielleicht sind die Grünen doch zu politisiert, und deshalb ist das Umweltthema kompromittiert?

Alles, buchstäblich alles, kann politisiert werden. In der ökologischen Weltbewegung gibt es natürlich auch verschiedene Menschen und Strömungen...

Es scheint nur so, als ob von Handlungen des Einzelnen nichts abhinge. Dank der Initiative der Grünen wurde zum Beispiel in Hamburg verboten, auf den nahegelegenen Straßen (Max-Brauer-Allee und Stresemannstraße) Fahrzeuge mit Dieselmotoren bis Euro 6 Norm zu benutzen. Am gleichen Ort legen jedoch Schiffe an, deren Motoren ebenfalls CO2 in die Atmosphäre abgeben. Die Gesamtmenge der pro Tag erzeugten Emissionen von Schiffen im Hamburger Hafen - dem nach Rotterdam zweitgrößtenin Europa mit einem Frachtumsatz von mehr als 200 Millionen Tonnen - entspricht der Menge der Emissionen, die beim Betrieb von mehr als 300 000 Autodieselmotoren entstehen.Im nächsten Schritt sollten die Grünen, meiner Meinung nach, die Notwendigkeit der Entwicklung und der Einführung der Innovationen, die die Treibhausgasemissionen von Schiffsmotoren radikal reduzieren könnten, in die Öffentlichkeit tragen.

Werden Sie das Projekt zur Schaffung des Eco sapiens weiterhin fördern? 

Der Mensch ist ungefähr 100 000 Jahre alt, aber grundlegende Veränderungen in seiner Mentalität haben sich in den letzten 100 Jahren ereignet. Natürlich werde ich dieses Projekt nicht aufgeben und zusammen mit den Intellektuellen der ganzen Welt versuchen, es weiterhin zu fördern. Die Menschheit steht heute vor drei globalen Problemen: 

– dem ökologischen Problem, 

– der Einschränkung der Entwicklung der künstlichen Intelligenz (2017 erschien mein Roman „Solo Mono. Bewusstseinsreise eines Defätisten“, der sich mit dieser Frage auseinandersetzt), 

–  der Gefahr eines großen militärischen Konflikts. 

Ich werde weiterhin aktiv an den Diskussionen dieser für die Menschheit beunruhigenden Themen beteiligt sein.  In den 70-80 Jahren des letzten Jahrhunderts, als ich noch ein Student war, habe ich in Deutschland fast jeden Samstag zusammen mit Hunderttausenden von Bürgern des Landes an Antikriegs- und Anti-Atomkraft-Bewegung teilgenommen.Diese Proteste hatten den stärksten Einfluss auf die Gestaltung der hohen Politik auf der ganzen Welt. Im Ergebnis wurden die 90er Jahre zu einer Zeit der internationalen militärischen und politischen Entschärfung. Leider sind diese Antikriegsbewegungen mittlerweile fast überall vergessen. Ich halte es ebenso für notwendig, die Antikriegs- und Anti-Atomkraft-Aktivitäten wiederzubeleben. Kaum jemand weiß, dass eine einzige 20-Kilotonnen-Atombombe bis zu 10 km2 Stadtgebiet verbrennt und in Müll umwandelt. In den Arsenalen der Atommächte gibt es aber mehrere Zehntausend solcher Bomben. Unterdessen kann eine 50-Megatonnen-Thermonuklearbombe mit einem Durchmesser der Todeszone von rund 70 km alle Hauptstädte der Welt sowie die Vororte von der Erdoberfläche auslöschen und in einem Umkreis von 200 bis 250 km2 schwere Schäden und Brände verursachen sowie eine hohe zerstörerische Radioaktivität erzeugen.

Trotz dieser Bedrohungen gibt sich der Mensch gegenwärtig selbst kampflos in allen drei Positionen auf. Warum? Etwa 2% aller Erdbewohner haben HIC (den höchsten Ausdruck des Bewusstseins), der etwa bei 200 (maximale Messzahl) liegt. Weitere 5% haben HIC von etwa 150. Bei dem Rest beträgt der HIC weniger als 100. Meine Aufgabe sowie die Aufgabe meiner Gleichgesinnten, von denen es bereits etwa 500 Millionen Menschen gibt, ist es, jeden Tag Brainstormings durchzuführen, um diese globalen, für die Menschheit gefährlichsten Probleme zu lösen.

Natürlich lebt die Bevölkerung verschiedener Länder unter unterschiedlichen Bedingungen, aber es gibt auf jeden Fall aktive Intellektuelle und Asketen. Bei seinen Treffen wird der Hamburger Verein eine Strategie entwickeln, um die Mentalität des Homo consumers in die des Eco sapiens umzuwandeln. Es ist noch zu früh, um aufzugeben. Deshalb appelliere ich an alle Menschen: Lasst uns gemeinsam die Welt wie auch unsere Weltanschauung verändern. Wenn Milliarden von Menschen an der Lösung dieser Probleme beteiligt sein werden, dann werden wir auch Erfolg haben! Wir werden gewinnen!

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Das Interview führte das Mitglied des „Hamburger Klubs Eco Sapiens“
Dr. Christian Osthold

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