Die Kultur ist im Koma. Interview mit dem Autor Alexander Potemkin

15.10.2019, 16:58
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Die Kultur ist im Koma. Interview mit dem Autor Alexander Potemkin

– Alexander, vor zwei Jahren erschien Ihr letzter Roman „Solo Mono. Bewusstseinsreise eines Defätisten“. Arbeiten Sie an einem neuen Projekt oder haben Sie aufgehört zu schreiben?

Vor ungefähr einem Jahr habe ich angefangen, an etwas Neuem zu arbeiten - „Schattierungen der Einsamkeit“. Im Verlauf der Arbeit am Bild des Protagonisten sah ich eine neue Chance für seine Entwicklung. Es war ein Umweltthema. Dann war nicht nur mein Held, sondern auch ich selbst in das Thema involviert. Und mit der Zeit fing es an, mein Bewusstsein mehr und mehr zu beherrschen. Vielleicht war die Einsicht in die Notwendigkeit, sich den Umweltfragen zu widmen, die heute relevanter sind, einer der Gründe für die Verlangsamung der Arbeit am neuen Roman. Meine Umweltartikel und -reflexionen werden sicherlich die Grundlage dieses Romans bilden.

 

– Wie beurteilen Sie die kulturelle Situation in Russland und der Welt?

Es ist bekannt, dass in Ländern mit einem reichen literarischen Erbe wie Russland, Deutschland, England, Spanien und Italien die letzten 40-50 Jahre eine Verarmung von Autoren der hohen Prosa zu verzeichnen ist. Heute gibt es keine herausragenden literarisch-philosophischen Namen in der Welt. Es ist durchaus möglich, dass sie existieren, aber die kulturelle Bürokratie und Geschäftswelt braucht sie nicht. Wenn Sie in die Buchhandlungen Europas und der Welt gehen und fragen, ob Bücher von Thomas Mann vorhanden sind, kriegen Sie folgende Antwort: „Wer ist das?“. Wenn Sie die Verkäufer auf große Autoren wie Kant, Sergej Bulgakow, Heidegger, Leo Schestow, Nietzsche, Florenski, Schopenhauer, Alexander Potemkin, Sartre ansprechen, werden die Verkäufer ihre Augen weit aufmachen, grinsen und sagen, dass Sie sich irren und nach Möbel- oder Bekleidungsherstellern suchen.

Wenn man sich an Dostojewskis Werke erinnert, wird man erkennen, dass während seines gesamten Schaffenswegs und bis zum ersten Viertel des 20. Jahrhunderts nicht mehr als 15 000-20 000 Exemplare seiner Bücher verkauft wurden. Die bemerkenswerte russische Literatur des 19. Jahrhunderts wurde von der Sowjetmacht auf ein hohes, angemessenes Niveau gebracht. Erst zu Sowjetzeiten wurden Tolstoi, Dostojewski und Gogol in dutzenden und hunderten Millionen von Exemplaren veröffentlicht. Damals stand das Geschäft nicht an erster Stelle und Autoren wie Wiktor Jerofejew, Alexander Tsypkin, Juri Poljakow, Denis Dragunskij, Darja Donzowa, Tatjana Ustinowa und Tatjana Tolstaja wären niemals veröffentlicht worden. Die Latte lag sehr hoch. Die Philosophie dieser Zeit war es, das intellektuelle Niveau des Menschen zu erhöhen. Und jetzt werden nicht nur die Werke schwacher Autoren veröffentlicht. Sie selbst werden auch ständig im öffentlichen Raum präsentiert, um ihre Bücher zu popularisieren und zu vertreiben, da dies für das Geschäft wichtig ist.

Fazit: Die Nation beraubt sich der Intelligenz, der Geistigkeit und der Moral, des Status quo einer kulturellen Person. Dabei gibt es keine Empörung seitens der Bürger! Ist die gesamte russische Bevölkerung zu Fünferschreibern geworden? 

 

– Sie betrachten Business als den Hauptschuldigen für den Rückgang des Kulturniveaus. Aber es gibt doch so etwas wie Staatspolitik?

Fehlende Kultur und Intelligenzminderung ist keine nationale, sondern eine totale und weltweite Diagnose. Je einfacher das Buch, je mittelmäßiger die Handlung, je mehr Erotik, Grobheit und Kriminalität, desto größer ist das kommerzielle Interesse der Medien an dieser Publikation.  Geschäftsleute des Schrifttums sind stolz auf die Gewinne und Umsätze, nicht auf die Namen. So verderben sie die Kultur und das Lesen sowie reduzieren den Intellekt.

Der größte Anstieg der Zahl der Personen mit geminderter Intelligenz im Land ist in erster Linie auf das Fernsehen, die Mediengemeinschaft, das Verlagswesen, die Kulturbeamte und insbesondere die Agentur für Presse und Massenkommunikation (Rospechat) zurückzuführen. Wozu dient diese Struktur? Dem Geldverdienen oder der Erhöhung des intellektuellen Niveaus der russischen Bürger? Profit ist das Einzige, was für sie an erster Stelle steht!

Warum veröffentlicht Rospechat auf Staatskosten Schriftsteller im Ausland, die selbst in Russland unbekannt sind? Vor einigen Jahren wurde in China ein bilaterales Übersetzungsprogramm für Belletristik organisiert. Chinesische Autoren wurden ins Russische übersetzt und umgekehrt. Das logische Ergebnis des Programms war die Tatsache, dass in China der Großteil der Auflage nicht verkauft wurde. Auf Staatskosten übersetzte und bedruckte Bücher der russischen Schriftsteller, die vom Leiter und stellvertretenden Leiter der Agentur, Seslawinski und Grigorev, empfohlen wurden (die Liste ist unten angegeben), sind zur Makulatur geworden. Eine Sieben- bis achtstellige Dollarsumme wurde verschwendet.

Warum arbeitet Rospechat seit mehr als 20 Jahren unter derselben Führung? Wer protegiert sie in der höchsten Machtebene? Die Minister- und Vizepremierministerposten werden neu besetzt. Nur diese Herren, die Kultur und Literatur ruiniert haben, sind angeblich unersetzlich! Für welche Verdienste? Dafür, dass sie ihre Aufgabe der Verblödung der russischen Bürger brillant erfüllen?

Wohin führt eine solche Politik? Zur Hirnlosigkeit der Bevölkerung! Und das Ergebnis ist eine drohende Umweltkatastrophe. Es ist schwer, sich den Intellekt eines Zuschauers vorzustellen, der sich Filme im russischen TV anschaut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand mit Verstand diesen Unsinn und Quatsch sehen kann!

 

– Sie sprechen sich eindeutig gegen das moderne Fernsehen aus. Gibt es wirklich keine einzige Sendung, die Sie zum Anschauen empfehlen könnten?

Ich habe den Eindruck, dass Gespräche mit Intellektuellen im Fernsehen verboten sind. Jeden Tag werden dem Zuschauer Treffen mit Künstlern geboten, deren Denkweise keiner Kritik standhält. Noch eine der Tendenzen der letzten Zeit ist, dass alle Fernsehsendungen nur von „Schriftstellern“ besucht und kommentiert werden. Wladimir Dal machte bereits darauf aufmerksam: „Es gibt mehr Schmierer als Schriftsteller“. In der Weltkultur wird ein Schriftsteller als eine große Persönlichkeit angesehen. In unserem Land wird aber jeder so bezeichnet, der mindestens ein paar Worte geschrieben hat, selbst wenn diese fehlerhaft sind. Es ist mir zum Beispiel peinlich, mich selber als Schriftsteller zu bezeichnen. Wenn ich interviewt und als Schriftsteller vorgestellt werde, korrigiere ich meinen Gesprächspartner und sage, dass ich ein Autor bin. Die Geschichte selbst sollte den Autor als Schriftsteller erkennen.

Neulich wurde auf vielen föderalen Kanälen ein Beitrag über die Präsentation des Erzählungsbuchs von Margarita Simonjan, Chefredakteurin von Russia Today, gezeigt. Ich bin mit Ihrer Tätigkeit als Medienmanager nicht vertraut, aber was kann man über Ihr schriftstellerisches „Talent“ sagen? Die Erzählung zählt zum Prosagenre, und ihre Aufzeichnungen über den journalistischen Alltag haben nichts mit Prosa zu tun. Vor allem, weil die Autorin über keine individuelle literarische Sprache verfügt sowie nicht fähig ist, eine Handlung aufzubauen, den Charakter und die Motivation der Helden darzustellen. Vor uns liegt eine gewöhnliche alltägliche und journalistische Sprache des Erzählers, die eher zur Sachliteratur gezählt werden kann. Natürlich wird die Möglichkeit, persönliche Medienressourcen für den Markt zu nutzen, immer ein entscheidender Vorteil für den Autor sein. Und eine medial aufgebauschte Person wie Margarita Simonjan mit jedem Ihrer Werke (unabhängig von der Qualität) ist aus der Sicht des Verkaufs interessanter als ein Autor, der die eine oder andere Weltanschauung besitzt, die in künstlerischer Form ausgedrückt wird.

Kann die Fernsehbeamtin aber ihre wertlosen schriftlichen Arbeiten wirklich nicht selbst angemessen bewerten? Um das Image ihrer Ware zu verbessern, animiert sie außerdem ihre Kollegen - W. Solowjow (nicht von Ethik und Moral geprägt), I. Zejnalowa und den Kulturminister der Russischen Föderation W. Medinski - zur föderalen Fernsehübertragung eines Beitrags über „die wunderbare Schriftstellerin Margarita Simonjan und ihr Buch „Schwarze Augen“. Diese Fernsehkampagne ist nicht nur unbescheiden, sie sorgt sogar für Empörung: „Medienoligarchen“ werben für minderwertige Ware. Wird diese Dame wirklich nicht von ihrer eigenen eingebildeten literarischen „Begabung“ beleidigt?  

Bezüglich Herrn Medinski: Fünf Minuten dieser Reportage werden dazu führen, dass viele vernünftige Bürger des Landes dem Kulturminister den Rücken kehren. Es steht Herrn Medinski schlecht zu Gesicht, sich aktiv an der Propagandierung eines minderwertigen Produkts zu beteiligen, insbesondere in der Öffentlichkeit.  Wenn ihn eine Freundschaft mit der Beamtin Margarita Simonjan verbindet, kann er seine Gefühle in einem Freundeskreis zum Ausdruck bringen, anstatt sie auf den Hauptfernsehsendern zu demonstrieren. Ist das Bewusstsein von Herrn Medinski so deformiert, dass er nicht versteht, wie ungehörig es ist? Kann kein Berater ihm dies erklären? Hier kann von Vetternwirtschaft in der Kultur die Rede sein.

Ich stimme F.M. Dostojewski zu, der bereits im 19. Jahrhundert Zeilen über Russland schrieb, die heute relevant sind: „Unser Demos ist zufrieden und wird in der Zukunft immer zufriedener sein“.

Einige mögen sagen, dass meine Replik bezüglich Frau Simonjan von Neid bedingt ist. Neid ist ein krankhafter Zustand, der nicht nur durch den Verlust des Glaubens an Gerechtigkeit, sondern vor allem durch den Mangel an innerer Kultur verursacht wird. Deshalb erlaube ich mir nicht, mit Literaturbeamten zu verkehren, ich nehme nicht an literarischen Treffen teil, mit Ausnahme meiner eigenen, die ich alle zwei Jahre nach der Veröffentlichung eines neuen Werkes abhalte. Ebenfalls erlaube ich mir nie, Beamte von Rospechat und dem Kulturministerium sowie Zeitungs- und Fernsehjournalisten, die literarische Themen beleuchten, zu diesen Treffen einzuladen. Um Rezensionen in den Medien zu veröffentlichen, muss man Geld bezahlen, sonst werden sie nicht publiziert. Ich muss dafür auch bezahlen. Es stört mich nicht, dass Rezensionen unter der Rubrik „Werbung“ herausgebracht werden.

 

– Und was können Sie über den Sender „Kultura“ sagen?

Der Sender „Kultura“ ist eigentlich eine völlige Schande. Gogol, Dostojewski und Tolstoi würden sofort auswandern, um nur seine Programme nicht miterleben zu müssen. Einst habe ich ein paar Sendungen von Schwydkoi auf diesem Kanal gesehen, die der Literatur gewidmet waren. Obwohl man das, worüber die Rede war, nur sehr schwierig als Literatur bezeichnen kann. Die Bücher der in die Talkshow von Schwydkoi eingeladenen Autoren können nur im Halbschlaf oder bei Betrunkenheit gelesen werden. Werke seriöser Autoren werden in solchen Sendungen nicht diskutiert. Große Namen werden nicht benötigt, sie machen keine Verkäufe. Beim Zuhören des Schwydkoi fragt man sich, wie eine solche Persönlichkeit einst zum Kulturminister Russlands ernannt werden konnte? Es ist eine Schande! Nur Jelzin, der auf jemandes inadäquate Meinung gehört hat, konnte eine solche Entscheidung treffen.

Kein einziger Sender des russischen Fernsehens hat eine literarisch-philosophische und ökologische Sendung. Und das im 21. Jahrhundert! Auf dem Kanal „Russland 1“ wird ein Programm „Guide für die Bücherwelt“ gesendet, das eher einem Bücherstand ähnelt, und von Standinhaber Egor Serov moderiert wird. 

 

– Worüber könnten moderne Autoren Ihrer Meinung nach schreiben?

Die wichtigsten philosophischen Themen für Analyse und Reflexion, für die Schaffung künstlerischer Bilder von heute sind: die unkontrollierte Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die drohende Umweltkatastrophe und die demografische Explosion der Mittelmäßigkeiten. Die moderne Jugend existiert jedoch in einem solchen kulturellen Raum, in dem eine Geburt neuer intellektueller Ideen und ein ernsthaftes Verständnis globaler Probleme von ihr kaum zu erwarten sind. Die Generation, die mit den geistigen Werten der 50er-60er-Jahre aufgewachsen ist, wird verschwinden. Wer wird diese aber ersetzen? 

Früher hatte die Gesellschaft in Russland und in europäischen Ländern ungefähr eine Bildungsgrundlage, heute wird die Kluft zwischen Ignoranten und Kulturellen immer größer. Früher machten die Ersteren 70% aus, während die Letzteren 30% ausmachten. Jetzt machen die Intellektuellen aber nur 20% und die Verbraucher 80% aus.

 

– Neigen Sie zu negativen Prognosen?

Die Vielfalt des modernen Konsums hat eine unendliche Anzahl von Phänomenen, in denen der Geist, auch wenn in geringen Mengen vorhanden, durch talentlose Gefühle und liederliche verderbte Wünsche verzerrt wird.

Buchhandlungen sind mit Makulatur von Pseudoautoren übersät. Fernsehprogramme und -filme richten sich hauptsächlich an Menschen mit geringer Intelligenz.  Hunderte, Tausende von Millionen Kubikmeter Wald werden zerstört, um ein armseliges Buch zu erzeugen. Millionen Kubikmeter Strom werden verbracht, damit die Menschen durch das Fernsehen verblöden. Die Sendezeit ist voll von Künstlern und Clowns. Es gibt kein einziges wissenschaftliches oder aufklärerisches Programm (mit Ausnahme einiger weniger, zum Beispiel „Territorium der Irrtümer“). Die Menschheit nähert sich dem Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts, aber wir beobachten keine intellektuelle Entwicklung, die gleichen Dummköpfe wiederholen von Mal zu Mal angelernte Thesen und Aussagen. Und mit einem so niedrigen HRC (den höchsten Ausdruck des Bewusstseins) möchte die Welt in die Zukunft treten? Nie und nimmer! Die Natur selbst rächt sich für das niedrige intellektuelle und kulturelle Niveau der Weltbevölkerung.

  • Völlige Ignoranz gegenüber der Ökologie.
  • Völlige Ignoranz gegenüber der Kultur.
  • Nicht nur in Russland, sondern auf der ganzen Welt.
  • Das größte Bedürfnis nach „Konsum“ besteht im Alltag, in der Ernährung und der Kultur.
  • Das Geschäft steht an erster Stelle.

P.S.

Diese Werke wurden von chinesischen Literaturliebhabern nicht gefragt und erwiesen sich als Makulatur. Russische Autoren, die ins Chinesische übersetzt wurden: Alexander Arkhangelsky, llya Boyashov, Juri Buida, Dmitri Bykow, Marija Galina, Leonid Jusefowitsch, Andrej Volos, Andrej Dmitriev, Alexander Kabakow, Nikolaj Klimontowitsch, Majja Kučerskaja, Anatolij Kurčatkin, Anatolij Najman, Denis Osokin, Walerij Popov, Aleksander Segen, Olga Slawnikowa, Anton Utkin, Ewgenij Schischkin, Jurij Kozlow, Alexander Trapeznikow, Aleksandr Arkhipov, Rodion Belickij, Alexander Galin, German Grekow, Vladimir Gurkin, Ksenia Dragunskaya, Wjatscheslaw Durnenkow, Michail Durnenkow, Vladimir Zherebtsov, Nikolaj Koljada, Alexander Korowkin, Konstantin Kostenko, Maksim Kurochkin, Stepan Lobozërov, Natalia Moshina, Viktoria Nikiforova, Walerij Sigarev, Wladimir und Oleg Presnjakow, Aleksej Slapovskij, Pavel Sanaev und andere.

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